Was ist Armut?

Warum beschäftigen wir uns überhaupt mit dieser Frage, die Antwort erscheint doch so offensichtlich? Ich sehe mindestens 2 Gründe dafür, dass wir darüber nachdenken müssen:

1. Armut und deren Ursachen sind wesentlich komplexer, als wir es im ersten Moment wahrnehmen.

2. Unsere eigene Definition von Armut bestimmt, was wir tun, um Armut zu lindern.

 

 


 

Viele Menschen verbinden den Begriff Armut in erster Linie mit einem Mangel an Dingen:

Mangel an Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Kleidung, Medi-kamenten, Wohnung... Logischerweise besteht die Antwort auf dieses Problem darin, dass man versucht diese Dinge den Armen zur Verfügung zu stellen, z.B. indem man Transporte mit Hilfsgütern organisiert. Auch wenn diese Art von Hilfe in manchen Situationen lebensnotwendig ist, merkt man schnell, dass man auf diese Art keine langfristige Hilfe bietet, sondern Abhängigkeiten schafft. Das führt uns zu einem bekannten Sprichwort:

 

Gib einem Mann einen Fisch und du gibst ihm Nahrung für einen Tag ? lehr? ihn wie man fischt und du gibst ihm Nahrung für den Rest seines Lebens!


 

Dahinter verbirgt sich eine weitere Definition von Armut:  

Ein Mangel an Wissen, Fähigkeiten und Innovation: 

Wenn wir Armut lindern wollen, müssen wir diesen Mangel füllen, indem wir Menschen trainieren, ihnen neue Techniken beibringen und Zugang zu Innovationen vermitteln. Dieses Vermitteln von Fähigkeiten ist zwar ein wichtiger Schritt zur Reduktion von Armut aber greift oft zu kurz. Leider gehen die Wurzeln von Armut noch viel tiefer.


 

Bleiben wir bei unserem Fisch-Beispiel:

Was ist, wenn wir einem Armen das Fischen beibringen, aber er sich nicht traut, das Wissen anzuwenden, weil es ihm aus religiösen oder kulturellen Gründen verboten ist zu fischen. ?Die Götter erlauben es nicht? oder ?Deine Kaste erlaubt das nicht...?

Ein anderer Grund könnte sein, dass er zuerst eine Erlaubnis zum Fischen braucht, die aber so teuer ist, dass er sie nie bezahlen kann.

Oder industrielle Fangflotten haben seine Fischgründe radikal leer gefischt und auch bei bester Angeltechnik ist nichts zu holen. Diese Beispiele könnte man doch beliebig erweitern. Ich denke, Sie merken worauf ich hinaus will:

Armut ist sehr komplex - es gibt keine einfachen Lösungen!


 

Ein indischer Christ namens Jayakumar Christian beschreibt Armut als ein System, das Menschen ?entfähigt? oder ?entmächtigt?. Er spricht auch vom ?Netz der Lügen?. Er meint damit, dass Menschen in Beziehungssystemen leben, die ihre Würde, ihre Bestimmung, ihre Fähigkeiten, ihre Möglichkeiten kontinuierlich reduzieren.

Das folgende Schaubild verdeutlicht seine These:


 

Aus diesem Schaubild können wir folgende Ursachen von Armut herauslesen: 

  • Arme sind Menschen mit beschädigter Identität: Ich bin nichts wert! 
  • Arme sind Menschen, die ihre wahre Berufung nicht kennen: Ich kann nichts! 
  • Arme sind Menschen, deren Beziehungen/Beziehungsnetz gegen ihr ganzheitliches Wohlergehen arbeitet: Du hast keine Macht, du hast nichts, du kannst nichts verändern...!

Als Christen sollte uns bewusst sein, dass es nicht in erster Linie ?ungünstige Umstände? sind, die Menschen in diesem Netz von Unterdrückung halten. Es ist Gottes Widersacher, der diese Lügen und Systeme benutzt, um Menschen von ihrer Gott gegebenen Würde und Bestimmung zu tren-nen. Daher ist der Kampf gegen Armut auch immer ein geistlicher Kampf!

Die gute Nachricht für die Armen, die Jesus in Lukas 4,18 ankündigt, heißt also:

  • Du bist ein Kind Gottes und damit unendlich wertvoll! 
  • Gott hat dich begabt und ausgestattet mit einzigartigen Fähigkeiten! 
  • Gott möchte, dass du in harmonischen Beziehungen lebst, in denen die Menschen sich gegenseitig fördern, ermutigen und ihre Ressourcen teilen! 

Wenn wir Armen wirklich nachhaltig helfen möchten, müssen wir uns davor hüten, nur Symptome zu bekämpfen (?es fehlen Dinge?). Wir müssen uns darum bemühen, die tief liegenden Ursachen von Armut im jeweiligen Kontext zu verstehen und mit Gottes Hilfe zu verändern.

Gott helfe uns dabei!

Dr. Thomas Schmidt, AM in Vietnam