Ist das denn wirklich so schwierig mit der Armutsbekämpfung? Man spendet einfach ein paar Euro für eine arme Familie und schon ist die Armut beseitigt, oder? ... Schön wär's! Leider ist das echte Leben nur selten so schön unkompliziert. Wer am Problem der Armut etwas ändern möchte, muss einen langen Atem haben. Das liegt daran, dass man es bei Armut eben nicht nur mit schlechten Familienfinanzen zu tun hat, sondern mit Menschen, die oft ein kaputtes Selbstbild haben und sich als hilflose Opfer fühlen.
In einem unserer neuen Projekt-Distrikte erlebten wir das folgende deutliche Beispiel: Wir hatten ca. 25 Leute aus den umliegenden, sehr armen Bergdörfern zu einem ersten Treffen eingeladen. Es ging uns darum, die tatsächlichen Nöte der Menschen hier herauszufinden, um dann gemein-sam mit ihnen ein passendes Hilfsprojekt zu entwickeln. Auf unsere Fragen bekamen wir aber immer wieder die gleiche Antwort: ?Wir brauchen Geld!?. Keiner redete von Gesundheitsproblemen, von schlechten Möglichkeiten zur Berufsausbildung, vom Mangel an sauberem Trinkwasser oder von fehlenden Kindergartenplätzen.
Immer wieder kam nur das eine Problem - die knappen Fi-nanzen. Schließlich fragten wir die Anwesenden: ?Okay, mal angenommen ihr hättet Geld zur Verfügung, wie wür-det ihr dieses Geld dann so einsetzen, dass arme Bauern-familien ihr Einkommen auf Dauer verbessern können?? ? Stille! Niemand hatte eine Idee.
Etwas beschämt wurde uns dann mitgeteilt, dass die Leute hier leider nichts machen könnten, denn schließlich seien sie arm und hätten keine gute Schulbildung. Daher sei es die Aufgabe der Regierung oder eben unsere Aufgabe als Hilfsorganisation, ihnen zu helfen.
Selten habe ich so deutlich gespürt, wie angeschlagen das Selbstwertgefühl von Armen ist, wie passiv sie sich in ihr Schicksal fügen und wie abhängig sie sich von der Hilfe von außen fühlen. ? Traurig!
In unseren Projekten in Vietnam versuchen wir den Menschen deshalb mehr zu bringen als nur die vorübergehen-de Linderung ihrer akuten Not. Wir möchten ihnen Mut machen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wir möchten ihnen zeigen, dass Gott sie lieb hat, und dass er sie mit allerlei Fähigkeiten und Möglichkeiten ausgestattet hat, ihr Leben positiv zu verändern!
Ein gutes Beispiel dafür ist unser Mutter-Kind-Projekt: Statt unterernährten Kindern einfach etwas zu essen zu kaufen, konzentrieren wir uns auf die Ausbildung ihrer Mütter. Wir zeigen ihnen, wie sie selbst, ohne fremde Hilfe, mit ganz einfachen, preiswerten Zutaten gesundes Essen für ihre Kinder zubereiten können. Viele staunen, wenn sie dann sehen, dass ihre Kinder mit diesem selbstgekochten Essen nach und nach zunehmen und gesünder werden - und das ganz ohne teuer gekaufte Kindernahrung oder Medizin! [mehr]
Ähnlich beeindruckend ist es immer wieder, wenn wir in Dorfveranstaltungen die armen Familien für unser Kuhbank-Projekt auswählen. Wir legen großen Wert darauf, dass diese Familien nicht - wie sonst üblich - von den Dorfchefs festgelegt werden, sondern von den Armen selbst ausgewählt werden. Immer wieder hören wir hin-terher tief bewegte Stimmen: ?Das ist das erste Mal, dass mich jemand nach meiner Meinung gefragt hat!? Später sind das dann ja die gleichen Familien, die ihr Kälbchen an die nächste arme Familie weitergeben. So erleben sie ganz praktisch, dass sie trotz aller Armut in der Lage sind, ande-ren in Not zu helfen. [mehr]
Hier findet wirkliche Veränderung statt: passive Almosen-Empfänger werden zu aktiven Projektpartnern! Diese Art von aufbauender Hilfe ist natürlich mühsamer und zeitaufwendiger als einfach nur schnell etwas Geld zu spenden oder ein paar alte Sachen in die Kleidersammlung zu werfen. Manchmal scheint es uns fast, als wollten sich manche Leute so ohne viel Aufwand ein gutes Gewissen kaufen! - Armutsbekämpfung ist harte, geduldige Arbeit. Wir sind sehr dankbar, dass Gott der Allianz-Mission in Vietnam und vielen anderen Ländern eine Tür geöffnet hat, Menschen in ihrer Not mit Seiner Liebe zu begegnen, ihnen Mut zu machen und ihrem Leben so eine wirklich neue Richtung zu geben - heraus aus der Falle der Armut und Hilflosigkeit.
Bitte beten Sie mit uns, dass viele Arme in unseren Projekten Gott selbst begegnen und sich von ihm ein ganz neues Leben schenken lassen!
Dr. Jochen Fiebrantz, Hanoi, Vietnam
