Smile!
Die kleine Bushaltestelle erinnert eher an eine verfallene Ruine, die
ihre besten Tage schon hinter sich gelassen hat. Die dazugehörige Straße steht dieser jedoch in nichts nach: ungeteert und mit tiefen Schlaglöchern verziert, macht sie mit der dicht-grünen Flora und Fauna am Wegrand einen schon fast idyllischen Eindruck. Ein Hupen lässt mich aufhorchen: Busse fahren immer, man muss nur lange genug warten. Ich steige an einer der ersten Stationen in Kandy ein, suche in den eng-kalkulierten Sitzbänken einen Platz... naja die Sri Lankaner sind ja nicht groß... Der modrig-aufsteigende Geruch der vergilbten Sitzpolster wird schon nach kurzer Strecke mit jedem Zustieg neuer Passagiere überdeckt. Der Busfahrer fährt auffallend langsam, hupend durch die eng verzweigten Dorfstraßen, mit denen jeder Feldweg in Deutschland an Qualität konkurrieren könnte und sammelt dabei die auf ihn aufmerksam gewordenen Fahrgäste ein.
Der Conductor, der Schaffner, sammelt schwankend das Fahrgeld ein, 12 Rupie pro Person, das sind etwa 7 Cent. Als man meinen könnte, der Bus sei nun wirklich voll, passen immer noch mindestens 20 weitere Stadtbesucher in den Bus, Taschen werden auf meinem Schoß abgestellt, aber wenigstens kann ich nun nicht mehr weit fallen, Smile.
Dabei ist Autofahren in Sri Lanka eine höchst lehrsame christliche Lektion ? des Stoßgebets. Der Linksverkehr geht einem schneller in Fleisch und Blut über, als man es sich anfangs vorstellen kann; dass aber aus einer zweispurigen Straße durch abenteuerliche Überholmanöver eine Vierspurige gemacht wird und sich dabei noch Threewheeler, überfüllte Motorräder, Fahrradfahrer, Straßenverkäufer, Kühe und Elefanten an dir vorbeischlängeln, ist schon gewöhnungsbedürftiger.
Ich steige am Zahntempel des Buddha im Zentrum Kandys aus. Keine zwei Schritte, ohne dass mir Europäerin ein very special price-Angebot aufgedrängt wird, ich lehne dankend auch jede neugierige Frage ab und smile!
Die bunten Stände sind geschickt wie Puzzelstücke am Straßenrand in das Stadtbild eingebaut, wobei auch Bäume sich wunderbar als Ausstellungsregal besonders für eingetütete, lebende Fische integrieren lassen. Dass die wuselnde Stadt funktioniert, wie sie funktioniert, ist ein Wunder... nur die Affen tanzen den Menschen auf dem Dach herum.
Ich laufe die Straße weiter Richtung Postamt. Menschenmengen quetschen sich auf den engen Gehsteigen entlang, am Boden sitzen im Schneider-sitz Bettler, v.a. Frauen. Mich durchzuckt es: das Baby, das bei der zahnlosen Frau auf dem Schoß
liegt, eine Flasche Milch mehr oder weniger effektiv in den Mund gedrückt, kenne ich gut. Viermal in der Woche arbeite ich im Centre, einem Straßenkinder-projekt - unterstützt von verschiedenen Hilfsorganisationen. Der vier Monate alte Danushke wird seit seinem 2-wöchigem Geburtstag zu uns gebracht ? und das ist schon ein Wunder: denn seine Mutter verkaufte den Säugling nach seiner Geburt für 5000 Rupien, schlappe 30 ?uro. Der ungewöhnliche Erwerb zurück durch das Centre, erspartdem Kind wer weiß welches Schicksal. Danushke teilt seinen Namen mit seinen vier Geschwistern unbeachtet des Geschlechts. Die Kinder, so schwierig und sozial gestört sie sind, sind mir unglaublich ans Herz gewachsen und sie außerhalb des kurzen Kindergartenalltags auf der Straße lebend zu sehen, verleiht mir innerlichen Schmerz. Zur Zeit sind Weihnachtsferien auch im Centre und während die Besinnlichkeit des Christlichen Festes mit weißer Watte als Schneeflocken in der Tropischen Hitze an den Fenstern demonstriert wird, haben die Kinder mit den Härten der Straße, der Drogen, des Lärms, des Hungers und des ?Nicht-Spielraumes? zu kämpfen. Ich beuge mich zum kleinen Danushke streichle ihm über die Wange und smile!
Wie laut es eigentlich ist, wird mir erst auffallen, wenn ich Zuhause dem Reisfeld gegenüberstehe.
In Sri Lanka geht die Zeit anders, langsamer, und so braucht ein kurzer Gang zur Post auch etwas länger. Ich bewege mich Richtung Busbahnhof, unverfehlbar laut und dem Prinzip Chaos unterworfen... zumindest für Außenstehende. Denn so wie die Sri Lankaner im Hupen ein sonderbar funktionierendes Kommunikationsmittel entwickelt haben, funktioniert auch ein mit kreuz- und querstehenden Bussen, überfüllter Platz. Die kunstvoll geschwungenen singhalesischen Zeichen auf den Busschilder versuchen ich erst gar nicht zu lesen; den richtigen Bus zu finden hängt so oder so nicht vom Lesevermögen, sondern vielmehr vom Durchfragen ab. Ich sehe mich um, habe keine Ahnung wohin und Smile.
Da ruft mir ein Schaffner zu... die neugierig, freundlichen Leute kennen mich mit meinen blonden Haaren - wenn ich nicht weiß wo hin, wissen sie schon wo ich hingehöre. Smile and Pray!
Milva
Sri Lanka ... Situationen, Leben, Alltag ...
...Über unsere Arbeit
Zu Beginn unseres FSJs im September 2009 waren wir zunächst in drei verschiedenen Projekten tätig: Zweimal pro Woche haben wir in dem Kindergarten der Tamilengemeinde mitgeholfen, in der auch Sebastian Koduthore Pastor ist. Ebenfalls waren wir zweimal wöchentlich in Kandy bei einem Straßenkinderprojekt beteiligt, in dem obdachlose Kinder tagsüber betreut in einem Center verbringen können. Samstags unterstützten wir ein weiteres Projekt der City-Mission in Bowolawatta, einem Stadtteil von Kandy. Dort haben sechs- bis 16-Jährige aus der umliegenden Gegend die Möglichkeit Vormittags kostenlos Nachhilfe in Englisch und Computerkursen zu erhalten. Nachmittags findet dann eine Art Jungscharprogramm statt, meist mit Liedern, einer Geschichte und Spielen.
Vor einigen Wochen hat sich unser Wochenplan dann etwas geändert. Da die Haupterzieherin des tamilischen Kindergartens gekündigt, die Kinder jedoch zu ihrer neuen Arbeitsstelle mitgenommen hat, fällt diese Arbeit nun für uns weg. Stattdessen können wir uns diese zwei Tage mehr auf eine Gruppe von Kindern, die Straßenkinder, zu konzentrieren.
Gestartet wurde dieses Projekt von einer sri lankanischen Christin namens Debbie und Träger ist die City-Mission in Kandy. Insgesamt gibt es drei Center für Kinder verschiedener Altersgruppen. Hier haben die Kinder die Möglichkeit, den Tag zu verbringen, Essen zu bekommen, einmal wöchentlich gebadet zu werden und einen kindgerechten Alltag zu erleben. Milva und ich arbeiten bei den jüngsten Kindern von 0-5 Jahren mit. Im Schnitt haben wir etwa 25 Kinder. Ein Hauptbestandteil dieser Arbeit ist es, den Kindern das zu geben, woran es ihnen in ihrem gewohnten Umfeld neben Überlebensnotwendigem mangelt: Wir wollen ihnen Werte außerhalb des harten Straßenalltags vermitteln und ihnen Anerkennung, Zuneigung und Liebe entgegenbringen. Dabei stößt man oft an seine persönlichen Grenzen, aber auch das sri lankische Erziehungssystem entspricht nicht gerade dem, was wir Europäer unter Pädagogik verstehen. Es kostet schon Überwindung, ein Kind, das gerade wie zur Provokation durch seine Kleider hindurch mitten in den Raum pinkelt, in den Arm zu nehmen und ihm unter der Vorausschau eines Cookies die Toilette nahezulegen. Verständnis für dieses gestörte Verhalten zu bekommen, verdanken Milva und ich viel einer weiteren Voluntärin, Becky aus England, die schon seit Jahren als Erzieherin arbeitet. Sie versucht eine Struktur für das Projekt zu erarbeiten und trägt diese auch maßgeblich, den Kindern noch mehr in Bezug auf Manieren und Sozialverhalten beizubringen und den Mitarbeitern die Unerlässlichkeit von hygienischen Verhältnissen und medizinischer Versorgung nahezubringen. Für das Projekt ist desweiteren geplant, dass die Kinder künftig noch mehr Unterricht erhalten, damit ihnen ein besserer Zugang zu Bildung verschafft wird. Das alles sind wichtige Komponenten, leider ist Becky jedoch keine gläubige Christin, und es fehlt ein wichtiger Bestandteil: die Hoffnung auf wahres Leben. Auch Becky eckt mit ihren Ideen an allen Enden des Systems an und wird vermutlich in naher Zukunft das Land für eine persönliche Pause verlassen. Dies bringt auch dieses Projekt für uns ins Schwanken. So große Möglichkeiten die Arbeit mit den verachtetesten Kindern der Gesellschaft für uns bietet, so schwierig wäre es, ohne eine starke Leitung einer erfahrenen Mitarbeiterin die eingeschlagene Richtung aufrecht zu erhalten! Bitte betet dafür, dass Gott uns seinen Weg zeigt und einen guten Leiter, der am Besten auch Sinhala spricht ;), gibt ? oder uns mit Vision und Kraft für sein Werk stärkt!
Im folgenden Abschnitt möchte ich den Alltag mit den Kindern näher beschreiben: Rein äußerlich betrachtet gibt es hier viele Charakterzüge eines Kindergartens, was die Aktivitäten, die wir gemeinsam mit den Kindern machen, betrifft. Beispielsweise wird viel Kreatives gemacht wie Malen, Basteln, Kneten etc. Außerdem wird versucht, die gute alte ?Frühförderung? anzuwenden. So machen wir Spiele mit den Kindern, bei denen sie puzzlen, Farben oder Formen zuordnen müssenund auch sonst probieren wir den Kindern auf spielerische Art und Weise Elementares, u.a. Englisch beizubringe
n. Leider können wir der Kinder Muttersprache Sinhala nicht und sind auf deren Englischkenntnisse angewiesen. Und dann brauchen wilde Kinder natürlich Bewegung. Deshalb gehen wir mit ihnen fast jeden Tag auf den Hof der ?St. Paul's Church?, nahe dem Zahntempel, wo sie im Freien spielen und sich austoben können. Und noch eine Besonderheit hat dieser Ort zu bieten: Da die buddhistischen Mönche über ein paar majestätische Elefanten verfügen, kann man oft beobachten, wie Elefanten im Hof des Tempels mit einem Wasserschlauch gewaschen werden. Was kann für ein Kind in diesem Alter eindrucksvoller sein als so ein großes Tier ganz in seiner Nähe zu haben? Die Kinder lieben es den Elefanten zuzusehen. Und noch weitere tierische Besucher gibt es hier: Es ist auch keine Seltenheit, hier eine Horde Affen anzutreffen. Von diesen sind die Kinder jedoch nicht ganz so begeistert wie von den grauen Dickhäutern. Im Allgemeinen sind Affen dieser Art ein Dorn im Auge der meisten Sri Lankaner. Da diese schon mal den ein- oder anderen Haushalt auf den Kopf stellen, sind sie so ungern gesehen. Auch die Kinder wissen das schon und so versuchen sie, die Affen mit Steinen zu bewerfen.
...Visumsverlängerung und ähnliche Späße
Um hier in Sri Lanka als FSJler bleiben zu können, bedarf es zunächst etwas für uns ganz Essentiellem: Einer Aufenthaltsgenehmigung, sprich: Visum. Bis jetzt konnten wir leider nur ein dreimonatiges Touristenvisum und einen einmonatige Verlängerung in Anspruch nehmen.
In den nächsten Tagen müssen wir das Land zwingend verlassen. Inzwischen haben wir einen anderen Weg gefunden: Die Aus- und Wiedereinreise ins Nachbarland, um ein neues Visum zu beantragen! Höchstwahrscheinlich werden wir Mitte Januar nach Chenai (Madras) in Indien fliegen.
Bitte betet mit uns für das Visum und dass Herr uns zeigt, wie er uns in Zukunft gebrauchen will, ob wir weiterhin in Sri Lanka arbeiten sollen und was er vo
rhat. Er hat schon einen Plan!
Viola

